Zu Gast in anderen Küchen

Nachbericht zur Frühjahrsfachtagung 2018

Genuss und Gesundheit ­ Widerspruch oder Synergie?

Genuss und Gesundheit bilden eine wichtige Synergie und tragen im Einklang zur Lebensfreude bei, so lautet das Ergebnis der diesjährigen Frühjahrstagung am 21. Februar der DGE-Sektion Niedersachsen und des Instituts für Ernährungspsychologie der Georg-August-Universität Göttingen in Kooperation mit der Akademie des Sports im LandesSportBund Niedersachsen (LSB). Dazu referierten Experten, wie sich das Verständnis von Genuss mit der Zeit gewandelt hat, wie unser Gehirn aus einer Sinnesempfindung Genuss interpretiert und wie Ernährung und Bewegung zu Genuss und Lebensfreude beitragen. Insgesamt zeichnete sich die Fachtagung durch hervorragende Referenten und eine anregende Atmosphäre aus.

Kein Genuss ist vorübergehend; denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend (Johann Wolfgang Goethe)

Barbara Otte-Kinast, Verbraucherschutzministerin NiedersachsenUnter Genuss versteht die niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Barbara Otte-Kinast ausgewählte Frische, Sinnesfreude und Leckerbissen. Für die Ministerin ist die Qualität von Lebensmitteln ein elementarer Bestandteil der Gesundheit, wobei auch die Wertschätzung von Lebensmitteln und ihren Erzeugern eine Rolle spielt. In ihrer Eröffnungsrede betont Frau Otte-Kinast die Wichtigkeit von Verbraucherschutz, Vernetzungen und Kooperationen, die weiterhin verstärkt werden sollten.

Für Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender des LandesSportBundes Niedersachsen, ist Sport eine Lebenskunst. In Kombination mit anderen Faktoren wie eine gesunde Ernährung führt er zu Lebenszufriedenheit. Herr Raw hebt in seinem Grußwort hervor, dass Gesundheit mit Sport und Ernährung verknüpft ist und appelliert an den Teilnehmern über den Tellerrand hinauszuschauen.

Prof. Dr. Gunther HirschfelderIn dem ersten Vortrag der Fachtagung stellte der Kulturanthropologe Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Universität Regenburg, den Zusammenhang zwischen Genuss und Ernährung im Wandel der Zeit dar. Genuss ist eine positive Sinnesempfindung. Essen als Genussempfindung reicht weit in unserer menschlichen Geschichte zurück, dessen Bedeutung sich kulturell bedingt immer wieder veränderte. Man kann davon ausgehen, dass bereits Primaten vergorene Lebensmittel aufsammelten, um einen Rausch als eine Art von Genuss zu erfahren, erläutert Hirschfelder. Während im späten Mittelalter hochkalorisches Essen als gesund und genussvoll galt, ist daran in unserem digitalen, globalen und lebensstilorientierten Zeitalter nicht mehr zu denken. Beim Essen steht Genuss nicht mehr im Vordergrund, sondern wird von kulturellen Veränderungen überlagert. Beispielsweise bestimmen neue Ideologisierungen (Vegan vs. Fleischesser), was gegessen wird. Einzelne Inhaltstoffe können als gefährlich und ungesund empfunden werden oder Essen wird mehr als Mittel zum Körperstyling in der heutigen Leistungsgesellschaft gesehen. Der Begriff Gesundheit wird von der WHO 1948 mehrdimensional betrachtet und definiert als „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen". Nach Hirschfelder sollte auch Genuss nicht isoliert betrachtet werden. Für die Mehrheit ist Genuss nicht vom Sozialen trennbar und braucht weitere Faktoren wie Atmosphäre und Bewegung.

Prof. Dr. Wolfgang Meyerhoff, Center for Integrative Physiology and Molecular Medicine, Saarland University Homeburg/Saar, demonstrierte in seinem Vortrag, wie der sogenannte Flavour (engl. Geschmack) von Essen in unserem Gehirn als Sinneswahrnehmung entsteht und warum Geschmäcker unterschiedlich sind. Die fünf bekannten Geschmacksrichtungen (salzig, sauer, süß, bitter und umami) werden wahrgenommen, nachdem Geschmacksrezeptoren chemische Strukturen in Form von Aktionspotential-Mustern entschlüsselt haben. Ob das Essen für uns als genussvoll empfunden wird, ist abhängig von unseren Erfahrungen, aber auch unseren Erwartungen. Durch die Muttermilch sind wir bereits als Säugling an den Geschmack „süß“ konditioniert. Durch unser Geschmackserkennungsgedächtnis und das Erlernen von Vorlieben bzw. Abneigungen verändert sich unser Geschmacksempfinden mit dem Alter. Es gilt: Lebensmittel die satt machen und keine Beschwerden hervorrufen sind sicher und attraktiv, so dass der Verzehr zunimmt. Die Angst vor Neuem, die sogenannte Neophobie, ist angeboren. Daher sollten bei Kinder immer wieder kleine Mengen eines neuen Lebensmittels mit bekannten oder kalorienreichen Lebensmittel kombiniert werden, um eine positive Assoziation hervorzurufen. Genuss kann durch die gewonnene Lebensmittelvielfalt gesteigert werden.

Die Frage, ob sich die Deutschen als selbstdefinierte Genießer sehen, beantwortete Carolin Hauck M.Sc., Institut für Ernährungsphysiologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie stellte die Ergebnisse einer repräsentativen Konsumentenstudie vor, bei der es um den Zusammenhang von Ernährung, Genuss und Gesundheit ging. Die Studie wurde kürzlich von dem Institut für Ernährungspsychologie gemeinsam mit lieferando.de durchgeführt. Demnach bezeichnen sich ca. 80 % der Deutschen als Genießer. Laut Studie haben Genießer ein höheres Wohlbefinden und eine höhere Lebenszufriedenheit. Ein schönes Essen in den eigenen vier Wänden wird im Alltag als Genuss empfunden. Für ein genussvolles Essen ist den Konsumenten vor allem die Qualität des Essens und die Essenssituation wichtig. Hier wurden „lecker, Geschmack, Genuss, Geruch“ und „Zeit, Ruhe, Entspannung“ genannt. Zwischen Übergewichtigen und Normalgewichtigen wurden keine signifikanten Unterschiede in der Genussfähigkeit gefunden.

Dr. Arne Göring, Stellvertretender Leiter der Zentralen Einrichtung Hochschulsport der Georg-August-Universität Göttingen, rundete die Fachtagung mit seiner lebhaften Präsentation ab. Göring eröffnete seinen Vortrag mit einem Bewegungsspiel. Es verdeutlichte den Teilnehmern innerhalb kurzer Zeit, dass selbst einfache Bewegungen, wie das blinde Einfangen des Fingers vom Nachbarn oder eine Massage, zur Lebensfreude beitragen können. Sport wird in erster Linie nicht mit Genuss assoziiert, sondern eher mit dem Gegenteil – Widerstand, Qual und die Überwindung des eigenen Schweinehundes. Gängige Bewegungsempfehlungen richten sich nach Parametern, wie Dauer, Intensität und Häufigkeit. Dabei werden wichtige psychosoziale Parameter wie die Einbindung in eine Gruppe vernachlässigt. Gerade die Kombination aus psychischen, physischen und sozialen Befinden (z. B. sich ausgeglichen oder in seinem Körper sicher fühlen) vereint Bewegung mit Wohlbefinden und Lebensfreude. Insbesondere sportliche Aktivitäten, die sozial eingebettet sind und in der Natur stattfinden, werden als genussvolle Aktivität wahrgenommen. Auch Dr. Arne Göring ist der Meinung, dass die Kombination von Ernährung und Bewegung bzw. Sport die Gesundheit nachhaltig steigern kann und so zur Lebensfreude einen Beitrag leistet. Er beendete seinen Vortrag mit einem passenden Zitat von Friedrich Schiller: Strebe nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillstand deiner Tätigkeit.

Die Frühjahrsfachtagung regte dazu an, Genuss zu überdenken und neu zu kombinieren. Genuss ist gerade in unserer schnelllebigen Gesellschaft entscheidend für die Lebensfreude und sollte im Alltag seinen Platz finden. Dabei wird Genuss von vielen Faktoren mitbestimmt. Zum Genießen braucht es beispielsweise Zeit und individuelle Erfahrungen: Für den Einen ist Genuss ein schönes Essen mit der Familie in entspannter Atmosphäre, für den Anderen ein langer Spaziergang in der Natur. Eine ausgewogene, genussvolle Ernährung und viel Bewegung kann nachhaltig die Gesundheit steigern - und damit auch das Wohlbefinden sowie die Lebensfreude.

 

AKTUELL

Projekt "Zu Gast in anderen Küchen" veröffentlicht Social Spot (Kurzfilm)

Zu Gast in anderen Küchen

weiterlesen zum Trailer...

weiterlesen direkt zum Projekt...

1-Tages-Seminar:
NACHTEILE & RISIKEN EINER GLUTENFREIEN KOST

17. August 2018
9:30-17:00 Uhr
Akademie des Sports, Hannover

weiterlesen mehr Informationen...

Kita-Fachtagung
8. Fachtagung Tischlein deck dich

„Esskulturen bewegt erleben - interkulturelle Konzepte in der KiTa“
13. Juni 2018

weiterlesen mehr Informationen...

weiterlesen Online-Anmeldung...

22. Niedersächsisches Ernährungsforum
„Ernährung - Bewegung - Sport“
Empfehlungen und Leitlinien für Ernährung und Bewegung
24. Oktober 2018

weiterlesen mehr Informationen...

DGE-Presseinfo: Selbstdiagnose Unverträglichkeit

(dge) Glutenfreie Brote, Pizzen, Speiseeis, lactosefreier Kochschinken oder Zwieback – der Absatz von speziellen „frei von“-Lebensmitteln boomt. Immer mehr Menschen greifen zu Lebensmitteln, die frei von Gluten oder Lactose sind – ohne dass eine medizinische Notwendigkeit besteht.

weiterlesen Pressetext...

Wie viel Protein brauchen wir?
DGE veröffentlicht neue Referenzwerte für Protein

weiterlesen mehr Informationen...

Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE:

weiterlesen mehr Informationen...

Ganzjährig
Regionalveranstaltungen Gemeinschaftsverpflegung

Landesweit

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. - Sektion Niedersachsen | Hildesheimer Str. 24, 30169 Hannover | Telefon: 0511 544 1038-0
d @d